Konservierung oder Rekonstruktion?

Kehlburg bei Gais
Burgruine Kehlburg bei Gais

In der aktuellen Ausgabe der ARX-Zeitschrift (1/2015) wird in zwei Fachartikeln der Frage nachgegangen, inwiefern die Fehlstellen an historischen Bauwerken ergänzt oder konserviert werden sollen.

 

Entgegen den Erwartungen mancher Leser können und wollen die Autoren keine endgültige Antwort darauf geben, zumal die vom Menschen geschaffene Umgebung einen ständigen Wandel unterliegt.


Fehlstellen werden entweder als Makel oder als Zeitdokument betrachtet. Ob sie konserviert oder aber geschlossen und repariert werden sollen, hängt oft von gesellschaftlichen Wünschen, regionalen Besonderheiten und stilistischen Wünschen ab. Anhand von Beispielen erklärt der Autor Boris Frohberg zeitgenössische Lösungsansätze in Mittel- und Osteuropa, die eine Bandbreite an Denkansätzen zulassen: So stellen Rekonstruktionen wie im Fall der Dresdner Frauenkirche, der Christi-Erlöser-Kathedrale in Moskau, dem Schwarzhäupterhaus in Riga, dem Schloss der Herzöge in Vilnius und dem derzeitig laufenden Projekt für das Berliner Stadtschloss eine Auseinandersetzung mit den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges her; das heißt die Wunden der Geschichte sollen auch in den genannten Fällen baugeschichtlich bewältigt werden.

 

Berliner Stadtschloss
Derzeit das größte Projekt in Deutschland: Der Betonrohbau des Berliner Schlosses (morgenpost.de)

Dieser Retrotrend, der mit dem Wiederaufbau und der Wiederherstellung der Städte in Ostdeutschland seinen Ausgang nahm und in Westdeutschland die Verluste historischer Bauten in das Bewusstsein des kollektiven Bewusstseins rückte, fand jedoch nicht ungeteilte Zustimmung. Kritiker sprechen davon, dass "hier hochmoderne Bauten mit historisierden Fassaden als Scheinarchitektur" entstehen.


 

Als Negativbeispiel wird der Landtagsneubau von Brandenburg herangezogen, dessen erhöhte Baukubatur von einem Drittel eine andere Geschoßigkeit, ein anderes Dach und einen kleineren Ehrenhof erhielt, wodurch die "fein ausgewogen-maßvollen Proportionen zerstört werden". Außerdem erinnere im Inneren nichts mehr an die alten Innenräume; so beispielsweise hat man eine Flachdecke anstelle des Gewölbes eingezogen.

 

Paulinerkirche in Leipzig
Paulinerkirche in Leipzig nach dem Neubau 2014

Weitere Diskussionspunkte des Fachartikels sind die Teilrekonstruktionen, die den Architekten ein interessantes Spannungsfeld liefern. Beispiele hierfür sind der Louvre in Paris, das Zeughaus in Berlin oder der Innenhof des Dresdner Residenzschlosses. "

 

Wiederbau mit modernen Zutaten ist derzeit weit verbreitet" und führt dazu, dass die "willkürlich zerstörte Architektur an(ge)deutet (wird), ihre Maße und architektonischen Gliederungselemente mit modernen Materialien auf(ge)nommen werden". Als Beispiel sei die Paulinerkirche in Leipzig genannt, die 1968 auf Betreiben der SED-Stadtverwaltung gesprengt wurde. Siehe dazu das Video: Sprengung der Universitätskirche in Leipzig

 

Und wie sieht die Situation in Südtirol aus? Mit Sicherheit sind der Großteil der Burgen, Ansitze und Kirchen mustergültig restauriert und für die nachkommenden Generationen erhalten geblieben. Aber auch in Südtirol, das für seine hohe Baudichte an mittelalterlichen Gebäuden bekannt ist, findet man noch Objekte, die auf eine zukünftige Bestimmung harren. So etwa die Kehlburg bei Gais - eine Ruine am Eingang zum Tauferer Ahrntal auf 1.200 Höhenmetern gelegen - die kaum noch einsehbar ist. Studien und Vorschläge für eine Rekonstruktion mit modernen Elementen versiegten bereits Ende der 80er Jahre, sodass bis zum heutigen Zeitpunkt keine nennenswerten Versuche mehr für eine Konservierung, geschweige denn für eine neue Bestimmung unternommen wurden.  

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